Armut in Liechtenstein

Unsichtbares Problem

Eingeladen zum „Runden Tisch“ hatte Caritas Liechtenstein. Anlass dafür waren die Aussagen der

liechtensteinischen Regierung, - die auch im aktuellen Bericht zur Umsetzung der Agenda 2030 für

nachhaltige Entwicklung festgehalten sind -, dass Liechtenstein kein Armutsproblem kennt.

Diese Aussagen decken sich nicht mit den täglichen Erfahrungen, die Caritas mit ihren

Unterstützungen und Beratungen macht. 2018 behandelte Caritas 526 Gesuche und unterstützte die

Betroffenen nach einer genauen Existenzanalyse. Die nötige finanzielle Unterstützung der Familien

und Einzelpersonen belief sich letztes Jahr auf insgesamt 364'000 CHF. Caritas-Präsidentin Rita

Batliner sowie Vizepräsidentin und Initiantin des Runden Tischs Renat Marxer wollten sich deshalb

mit anderen Organisationen zu diesen Erfahrungen austauschen.

Runder Tisch Armut

Unter der Leitung von Maja Marxer-Schädler als Moderatorin diskutierten Vertreterinnen und

Vertreter von Verein für Menschenrechte (Christian Blank), Stiftung Liachtbleck und Hand in Hand

Anstalt (Hildegard Längle und Jacqueline Vogt), infra - Informations- und Beratungsstelle für Frauen

(Petra Eichele), Frauenhaus Liechtenstein (Jasmine Andres-Meier), Tellerrand – Verein für

solidarisches Handeln und Arbeitsgruppe Nachhaltigkeitsziele des Netzwerks für

Entwicklungszusammenarbeit (Rudolf Batliner und Ute Mayer) über ihre Sichtweisen, über den

Handlungsbedarf und über Lösungsansätze.

Alle Teilnehmenden waren sich einig, dass relative Armut in Liechtenstein existiert und dass die

Anzahl der Betroffenen zunimmt. Menschen, die den Weg zu den Hilfsorganisationen gefunden

haben, benötigen zur konkreten Unterstützung vor allem Beratung. Armut ist stark stigmatisiert,

unter anderem dadurch, dass sie in Liechtenstein offiziell nicht als solche zur Kenntnis genommen

wird.

Fehlende Schnittstellen

Obwohl die rechtlichen Grundlagen vorhanden sind und die Unterstützung durch das Sozialsystem

gewährleistet ist, sind viele Betroffene überfordert mit der Gesuchstellung bei verschiedenen

Verwaltungsinstitutionen. Für viele stellt das Sozialsystem ein Dschungel dar. Wer sich nicht

auskennt oder wehren kann, ist nicht nur im wörtlichen Sinn arm, sondern auch arm dran. Das gilt

nicht nur für sozial Schwache, sondern insbesondere auch für in Liechtenstein Ansässige mit

Migrationshintergrund. Das Problem sind die Schnittstellen. Es fehlt eine zentrale Anlaufstelle im

Land, die im Sinne eines Case-Managements den Betroffenen unter die Arme greift.

Komplexe Probleme

Organisationen wie Caritas, Stiftung Liachtbleck, infra und Frauenhaus springen ein und füllen vor

allem die Beratungslücke. Betroffene sind zunehmend mit komplexen Problemen konfrontiert: zur

Einkommensschwäche kommen oft Schulden, Krankheit, allenfalls auch Sucht oder Gewalt dazu. Das

erfordert Mehrfachberatung und -unterstützung. Einige Familien können sich aus der Armutsfalle

kaum befreien. Das reicht so weit, dass sich die Probleme über Generationen vererben. Von

existenzieller Not betroffen sind vor allem auch Frauen, besonders wenn sie alleinerziehend sind

oder wenn es zur Scheidung kommt. Teilzeit- oder Niedriglohnarbeit schlägt sich nieder in fehlenden

oder ungenügenden Pensionskassenbeiträgen für die Altersvorsorge. Altersarmut ist real und oftmals

weiblich – auch in Liechtenstein. Armut kann zudem jeden treffen.

Massnahmen nötig

Die Teilnehmenden des Round-Tables waren sich einig, dass es Zeit ist für einen dritten nationalen

Armutsbericht. Die letzten zwei Berichte von 1997 und 2008 liegen schon Jahrzehnte zurück. Um das

Thema stärker in die Öffentlichkeit zu bringen und gegen die Stigmatisierung anzukämpfen, sind

Massnahmen zur Sichtbarmachung nötig. Dazu planen die Organisationen verschiedene Aktionen

(Medienkampagne, Podiumsdiskussion, sozialpolitische Vorstösse).

Agenda 2030: Niemanden zurücklassen

Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung gibt den Rahmen für alle Länder vor. Das Ziel 1 der

Agenda will Armut in allen Formen und überall beenden. Zudem gilt als übergeordnetes Ziel der

Grundsatz „niemanden zurückzulassen“ (Leave no-one behind). Wenn die Regierung in ihrem Bericht

zur Agenda 2030 schreibt, dass kein Mensch in Liechtenstein in Armut leben muss, so verkennt sie

die tatsächlichen Probleme und nimmt den Grundsatz „niemanden zurückzulassen“ zu wenig ernst.

Die Teilnehmenden des Round-Tables Armut beabsichtigen, sich weiterhin zu treffen und ihr

sozialpolitisches Engagement in Zukunft gemeinsam zu verstärken.

Die Idee eines Runden Tischs zum Nachhaltigkeitsziel 1 (engl. SDG – Sustainable Development Goal)

ist eine Folge der Veranstaltung „Die UNO-Nachhaltigkeitsziele in Liechtenstein umsetzen – Was

leistet die Zivilgesellschaft?“ vom 21. Februar 2019 im Haus Gutenberg, Balzers.

Ute Mayer, Verein Tellerrand, im Namen der Teilnehmenden des Round-Tables Armut

ARMUT IN ALLEN FORMEN UND ÜBERALL BEENDEN.

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